von ht-strafrecht | 28. März 2025 | Defensio

Die Kriminalstatistik: Drei gute Gründe, warum ihre Aussagekraft begrenzt ist

handschellen und statistiken auf dem laptop

ein Blogbeitrag von Rechtsreferendarin Sarah Lohmann

Jedes Jahr im Frühjahr ist es soweit: Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) wird veröffentlicht. Medienberichte folgen prompt und präsentieren die Zahlen in teils völlig gegensätzlichen Interpretationen. Während manche Schlagzeilen Erfolgsmeldungen zur Kriminalitätsbekämpfung verkünden, warnen andere vor einem dramatischen Anstieg bestimmter Straftaten.

Doch wie viel Wahrheit steckt wirklich hinter diesen Zahlen? Wir zeigen Ihnen drei wesentliche Faktoren, die die Aussagekraft der Kriminalstatistik erheblich einschränken.

 

Was ist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)?

Die PKS ist eine polizeiliche Ausgangsstatistik, die dokumentiert, welche Straftaten der Polizei bekannt wurden und bearbeitet wurden. Sie erfasst Tatorte, Tatzeiten, Opfer, Schäden, das Aufklärungsergebnis sowie demografische Daten der Tatverdächtigen.

Was nach einer vollständigen Übersicht über die Kriminalität in Deutschland klingt, ist es jedoch nicht. Denn zahlreiche Straftaten tauchen in dieser Statistik nicht auf: Ordnungswidrigkeiten, Verkehrs- und Staatsschutzdelikte, Finanz- und Steuerdelikte sowie Fälle, die direkt bei der Staatsanwaltschaft angezeigt werden. Zudem beeinflussen verschiedene Faktoren die Statistik und sorgen für erhebliche Verzerrungen.

 

1. Hellfeld vs. Dunkelfeld: Die unsichtbare Kriminalität

Die PKS umfasst nur das sogenannte Hellfeld, also jene Straftaten, die der Polizei bekannt geworden sind. Das Dunkelfeld dagegen enthält nicht polizeilich registrierte Kriminalität und bleibt in der Statistik unsichtbar.

Kriminologen schätzen, dass auf jede in der PKS erfasste Tat mindestens eine weitere unentdeckt bleibt. Bei bestimmten Delikten ist das Dunkelfeld sogar bis zu dreimal so groß wie das Hellfeld. Hinzu kommt, dass rund drei Viertel aller polizeilich registrierten Verfahren von der Staatsanwaltschaft eingestellt oder in Gerichtsverfahren mit Freispruch enden. Die PKS gibt also weder die tatsächliche Anzahl begangener Straftaten wieder noch die Zahl verurteilter Straftäter.

 

2. Kontrolldelikte und Anzeigebereitschaft: Warum Zahlen trügen können

Die Anzahl der registrierten Straftaten wird stark durch die Kontrolldichte der Polizei und die Anzeigebereitschaft der Bevölkerung beeinflusst.

  • Mehr Polizeikontrollen führen zu höheren Zahlen in der PKS. So führten verstärkte Grenzkontrollen während der Fußball-EM zu einem Anstieg erfasster Delikte.
  • Bestimmte Straftaten wie Drogenkriminalität oder Schwarzfahren werden fast ausschließlich durch Polizeikontrollen entdeckt. Je nach politischer Priorität ändern sich also die registrierten Fallzahlen.
  • „Ausländerkriminalität“ in der Statistik wird oft instrumentalisiert. Straftaten von Touristen am Frankfurter Flughafen beispielsweise fließen in diese Kategorie ein, während ähnliche Delikte im privaten Bereich gar nicht erst erfasst werden.

Auch die Bereitschaft, eine Straftat anzuzeigen, beeinflusst die Statistik stark:

  • Autodiebstähle und Wohnungseinbrüche werden fast immer gemeldet, da sie für Versicherungsansprüche relevant sind.
  • Sexualdelikte hingegen werden extrem selten angezeigt: Nur 6 % der sexuellen Übergriffe und 2 % der sexuellen Missbrauchsfälle gelangen zur Polizei. Durch Kampagnen wie „#MeToo“ steigt die Zahl der Anzeigen – ohne dass tatsächlich mehr Delikte begangen werden

 

3. Polizeiverhalten: Wie Schwerpunkte und Erfassungsfehler die Zahlen beeinflussen

Die Art und Weise, wie die Polizei arbeitet, hat direkten Einfluss auf die PKS.

  • Straftaten werden von der Polizei häufig initial schwerer bewertet, als sie später von Staatsanwaltschaft oder Gericht eingestuft werden.
  • Erfassungsfehler und Mehrfachmeldungen können bis zu 20 % der Fälle betreffen.
  • Schwankende Prioritäten der Polizeiarbeit beeinflussen die Statistik: Wenn ein Jahr verstärkt gegen Betrugsdelikte im Zusammenhang mit Corona-Hilfen ermittelt wird, steigen die Fallzahlen. Im nächsten Jahr kann dann eine andere Deliktsgruppe im Fokus stehen, wodurch sich die Statistik erneut verschiebt.

 

Fazit: Warum die Kriminalstatistik mit Vorsicht zu genießen ist

Die PKS mag auf den ersten Blick eine eindeutige Entwicklung der Kriminalität in Deutschland suggerieren. Doch die Datenlage ist so komplex und manipulierbar, dass aus ihr nahezu jede gewünschte Interpretation abgeleitet werden kann. Wer ein realistisches Bild der Kriminalitätslage erhalten möchte, sollte auch Dunkelfeldstudien und unabhängige Untersuchungen berücksichtigen.

 

Sie sind Beschuldigter in einem Strafverfahren? Wir stehen an Ihrer Seite!

Haben Sie eine Vorladung erhalten oder ein Ermittlungsverfahren am Hals? Lassen Sie sich nicht von Statistiken beeinflussen – sondern holen Sie sich professionelle Hilfe!

Fachanwalt für Strafrecht Dr. Hennig und das Team von H/T-Defensio sind spezialisiert auf Strafverteidigung und stehen Ihnen bundesweit zur Seite. Vereinbaren Sie noch heute eine kostenlose Erstberatung.